Torsten Lieberknecht hat vor dem Start der neuen Saison eine ausführliche Einschätzung des 1. FC Kaiserslautern abgegeben. Der FCK-Cheftrainer sprach dabei über die defensive Entwicklung der Mannschaft, den Abgang von Luca Sirch, die Bedeutung der Wingbacks, die Entwicklung von Semih Sahin, das Positions-Experiment mit Kian Scheer sowie die bislang erfreuliche Verletzungssituation des Teams.
Darüber hinaus blickte Lieberknecht auf die kürzlich zu Ende gegangene Weltmeisterschaft zurück und erklärte, was ihn am Titelgewinn Spaniens beeindruckt hat und welche taktischen Entwicklungen ihm während des Turniers aufgefallen sind.
Lieberknecht: Spaniens größte Stärke war die Geschlossenheit
Lieberknecht räumte ein, dass er die Weltmeisterschaft nicht so intensiv verfolgt habe, wie er es normalerweise gerne getan hätte. Einerseits seien die Anstoßzeiten ein Grund gewesen, andererseits habe sein eigener Terminkalender zahlreiche weitere Verpflichtungen enthalten.
Dennoch fiel ihm eine taktische Entwicklung besonders auf.
Nach Ansicht des Kaiserslautern-Trainers wurde deutlich weniger klassisches Mittelfeldpressing gespielt. Stattdessen entschieden sich die Mannschaften häufiger dafür, entweder sehr hoch zu pressen oder sich sehr tief zu positionieren.
Selbst die Topteams hatten demnach keine Probleme damit, sich zeitweise in einem tiefen Abwehrblock zu formieren, anstatt permanent im Mittelfeld Druck auszuüben.
Lieberknecht glaubt, dass die körperlichen Anforderungen des Turniers zu dieser Entwicklung beigetragen haben könnten. Viele der Topspieler hatten bereits eine extrem lange Saison hinter sich, weshalb der Umgang mit den eigenen Kräften besonders wichtig gewesen sei.
Auf die Frage, was Spaniens WM-Triumph letztlich entscheidend gemacht habe – die Fähigkeit, den Ball laufen zu lassen, oder die Stärke der Defensive – hatte Lieberknecht eine klare Antwort: Spanien sei schlicht die beste Mannschaft gewesen.
Er betonte zwar die technische Qualität der Spanier, hob aber vor allem deren gemeinsames Auftreten hervor.
Für Lieberknecht ist Spanien eine bemerkenswert bescheidene Mannschaft, die stets bei sich bleibt und Werte verkörpert, die über viele Jahre innerhalb des Teams verankert wurden.
Gleichzeitig verwies er auf die Balance innerhalb des Kaders. Spanien verfügt mit Spielern wie Lamine Yamal über ausgesprochen starke und extrovertierte Akteure, doch diese würden von erfahrenen Führungsspielern wie Rodri geleitet.
Gemeinsam mit ihrem Trainer habe die Mannschaft eine Einheit gebildet, in der ausschließlich der Fußball im Mittelpunkt gestanden habe.
FCK muss defensive Bilanz weiter verbessern
Anschließend richtete sich der Blick auf Kaiserslautern.
Der FCK hatte seine Zahl der Gegentore bereits zum dritten Mal in Folge verbessert. Dennoch sind 47 Gegentreffer in der vergangenen Saison aus Sicht von Lieberknecht weiterhin zu viel, wenn die Mannschaft höhere Ambitionen verfolgen möchte.
Der Abgang von Luca Sirch macht die Situation zusätzlich kompliziert, zumal Kaiserslautern bislang keinen etablierten Verteidiger verpflichtet hat, der seine Klasse auf diesem Niveau bereits nachgewiesen hat.
Für Lieberknecht beginnt die Lösung zunächst damit, genau zu analysieren, wie die Gegentore entstanden sind.
Das Trainerteam müsse unterscheiden zwischen Treffern, die durch individuelle Fehler verursacht wurden, und solchen, denen eine fehlerhafte mannschaftstaktische Organisation zugrunde lag.
Lieberknecht offenbarte, dass mehr als die Hälfte der Gegentore des FCK auf individuelle Fehler zurückzuführen gewesen seien. Dennoch wolle er es sich nicht zu einfach machen und lediglich verlangen, dass seine Spieler diese Fehler abstellen.
Das individuelle Abwehrverhalten müsse weiter geschult werden. Gleichzeitig müsse die Mannschaft an den Details ihrer kollektiven Defensivarbeit arbeiten.
Das betrifft sowohl das hohe Pressing als auch das Verteidigen in tieferen Zonen.
Die Spieler müssen zudem besser erkennen, wann sie einen Gegenspieler direkt aufnehmen und wann sie sich stattdessen an den Räumen orientieren sollen.
Auch bei Standardsituationen besteht Verbesserungsbedarf.
Lieberknecht stellte fest, dass Kaiserslautern in der Rückrunde deutlich mehr Gegentore nach Standards kassiert hatte als in der Hinrunde.
An all diesen Punkten werde deshalb weiter gearbeitet.
Erste positive Signale gab es bereits in der Vorbereitung. Beim jüngsten 0:0 im Testspiel gegen Südtirol habe seine Mannschaft laut Lieberknecht bereits eine gute defensive Struktur gezeigt.
Auch beim ausführlichen Härtetest gegen Metz, der über drei Halbzeiten von jeweils 45 Minuten ausgetragen wurde, blieb der FCK nach 90 Minuten ohne Gegentor.
Für Lieberknecht sind diese Leistungen ein Zeichen dafür, dass sich seine Mannschaft auf dem richtigen Weg befindet.
Sirchs Vielseitigkeit hinterlässt eine schwer zu schließende Lücke
Die größte Frage in der Defensive bleibt der Abgang von Luca Sirch.
Für Lieberknecht war Sirch niemals nur ein rechter Innenverteidiger. Seine taktische Vielseitigkeit ermöglichte es ihm, die Struktur der Mannschaft während eines Spiels zu verändern.
Bei eigenem Ballbesitz konnte Sirch nach vorne schieben. Teilweise rückte er auch ins zentrale defensive Mittelfeld, um dort eine zusätzliche Anspielstation zu schaffen und eine numerische Unterlegenheit gegenüber dem Gegner auszugleichen.
Diese Kombination aus defensiver Qualität, Positionsflexibilität und taktischem Verständnis machte Sirch für den FCK besonders wertvoll.
Entsprechend eindeutig fiel Lieberknechts Antwort auf die Frage nach einem möglichen Ersatz aus.
Aktuell könne Kaiserslautern Sirch als Spielertyp nicht ersetzen.
Der Trainer stellte zudem klar, dass der Verein den Abgang des Defensivspielers eigentlich nicht wollte.
Laut Lieberknecht wollte der FCK Sirch nicht abgeben, doch der Spieler selbst habe sich dafür entschieden, einen neuen Weg einzuschlagen.
Statt einen identischen Ersatz zu suchen, will Kaiserslautern nun auf die vorhandenen Defensivspieler vertrauen.
Lieberknecht sieht deren klare Stärken vor allem im defensiven Bereich. Damit könnte sich die Mannschaft taktisch etwas verändern müssen, anstatt zu versuchen, Sirchs einzigartige Rolle eins zu eins nachzubilden.
Kian Scheer wird zur interessanten Alternative
Zu den spannendsten Experimenten der Vorbereitung gehört Kian Scheer.
Obwohl Scheer eigentlich im Mittelfeld zu Hause ist und in seiner Jugend nicht als linker Innenverteidiger eingesetzt wurde, hat Lieberknecht ihn wiederholt auf dieser Position getestet.
Der Trainer erklärte, dass dieses Experiment auch dazu diene, Scheer mehr Sicherheit und Verantwortung zu vermitteln.
Eine Position weiter hinten zwingt einen jungen Spieler dazu, die Konsequenzen seiner Entscheidungen besser zu verstehen. Ein Fehler in der Defensive kann sehr schnell zu einem Gegentor führen, wodurch Scheer wertvolle Erfahrungen sammeln kann.
Allerdings ist der 1, FC Kaiserslautern-Trainer der Ansicht, dass Scheer keineswegs völlig unerfahren in der Defensive ist.
Der Nachwuchsspieler habe bereits während seiner Jugendzeit in der Abwehrkette gespielt und dort gute Leistungen gezeigt.
Mittlerweile fühle sich Scheer in der neuen Rolle zunehmend sicherer. Lieberknecht sieht bei ihm derzeit eine besonders interessante Entwicklung.
Wingbacks bleiben zentral für Lieberknechts Pressingsystem
Eine weitere wichtige Baustelle sind die Wingback-Positionen.
Lieberknecht hat deren Bedeutung für sein Spiel mehrfach hervorgehoben, insbesondere wegen der enormen Intensität, die sie in seinem Pressingsystem leisten müssen.
In der vergangenen Saison geriet Kaiserslautern teilweise in Schwierigkeiten, wenn die Stammkräfte Paul Joly und Mika Haas müde wurden oder komplett ausfielen.
Das Problem: Im Kader fehlten überzeugende Alternativen.
Mit dem wiedergenesenen Simon Asta steht Lieberknecht auf der rechten Seite nun wieder eine zusätzliche Option zur Verfügung.
Auf der linken Seite ist die Situation dagegen weniger klar.
Mit Florian Kleinhansl und Kenny Redondo hat Kaiserslautern bereits zwei Spieler abgegeben, die dort mögliche Lösungen hätten darstellen können.
Dadurch öffnete sich die Tür für Erik Wekesser, dessen Situation sich deutlich verändert hat.
Wekesser war während eines großen Teils der vergangenen Saison praktisch aus Lieberknechts Planungen herausgefallen, gab sich jedoch trotz der schwierigen Situation nie auf.
Der Trainer lobte ausdrücklich dessen Einstellung und hob hervor, dass Wekesser im Training stets Vollgas gegeben habe.
Diese Haltung verschaffte ihm schließlich eine neue Chance.
In den letzten beiden Saisonspielen gegen Bielefeld und in Magdeburg setzte Lieberknecht Wekesser erneut auf dieser Position ein. Der Spieler überzeugte in beiden Partien.
Noch wichtiger: Kaiserslautern gewann beide Spiele ohne Gegentor.
Diese Auftritte eröffneten Wekesser eine neue Perspektive und überzeugten Lieberknecht davon, dass er wieder eine Rolle in der Mannschaft spielen kann.
Gleichzeitig erläuterte der FCK-Trainer seine grundsätzliche Auswahlphilosophie.
Solange ein Spieler beim FCK unter Vertrag steht, werde er seine Chance bekommen, sofern seine Situation nicht völlig aussichtslos sei.
Haas wiederum wisse, dass er unabhängig davon, wer hinter ihm auf seine Chance wartet, immer Vollgas geben müsse.
Der Grund dafür ist für Lieberknecht eindeutig: Die Wingbacks sind seine wichtigsten Spieler im Pressing.
Auf dieser Position sei eine besonders hohe Intensität erforderlich, weshalb Konkurrenz und körperliche Fitness eine entscheidende Rolle spielen.
Sahin zeigt endlich sein volles Potenzial
Im zentralen Mittelfeld bleibt Fabian Kunze eine feste Größe. Gleichzeitig stehen mit David Schramm und Dion Hofmeister zwei vielversprechende Talente bereit.
Auch die Entwicklung von Semih Sahin hat Lieberknecht besonders positiv bewertet.
Der Trainer betonte, dass er Sahin bereits in der Hinrunde nicht schlecht gefunden habe. Allerdings habe der Mittelfeldspieler noch mit den Folgen einer Verletzung aus dem Relegationsspiel von Elversberg gegen Heidenheim zu kämpfen gehabt.
Trotzdem wollte Lieberknecht nicht auf ihn verzichten, weil er ihn für zu wertvoll hielt.
Der entscheidende Schritt erfolgte in der Rückrunde, als Sahin endlich vollständig fit war.
Die Verbesserung ließ sich nicht nur anhand seiner Leistungen auf dem Platz, sondern auch anhand seiner körperlichen Daten erkennen.
Lieberknecht verwies insbesondere auf Sahins Werte bei der Sprungkraft. Zwischen Hin- und Rückrunde habe es dort einen enormen Unterschied gegeben.
Diese körperlichen Fortschritte seien anschließend auch auf dem Spielfeld sichtbar geworden.
Mit seiner wiedererlangten Fitness begann Sahin, genau das zu zeigen, was Lieberknecht nach eigener Aussage schon immer von ihm erwartet hatte.
Verletzungssituation sorgt für zusätzlichen Optimismus
Der Trainer wurde außerdem auf die ungewöhnlich positive Verletzungssituation des FCK während der Vorbereitung angesprochen.
Bislang ist die Mannschaft weitgehend von größeren Verletzungsproblemen verschont geblieben. Dass Marlon Ritter einige Tage kürzertreten musste, war laut Lieberknecht beinahe schon der größte Rückschlag.
Lieberknecht räumte dabei ein, dass auch Glück eine Rolle spiele.
Gleichzeitig hat der Verein aber gezielt daran gearbeitet, seine Trainings- und Belastungssteuerung zu verbessern.
Nach einer Analyse der vergangenen Saison untersuchte Kaiserslautern, an welchen Stellen die Trainingsmethoden und die Belastungssteuerung weiter optimiert werden könnten.
Jimmy Lohberg, Leiter Athletik und Performance, erhielt dabei zusätzliche Unterstützung durch Nils Vogt.
Laut Lieberknecht hat Vogt neue Aspekte eingebracht, insbesondere im Bereich der Periodisierung und verwandter Themen der körperlichen Vorbereitung.
Der FCK-Trainer glaubt, dass diese Veränderungen durchaus dazu beigetragen haben könnten, dass seine Mannschaft bislang weitgehend verletzungsfrei durch die Vorbereitung gekommen ist.
Schramm als Alternative zu Sahin
Sollte Sahin einmal ausfallen, hat Lieberknecht bereits eine mögliche Lösung im eigenen Kader.
David Schramm kann nach Einschätzung des Trainers die Position des tiefen Spielmachers übernehmen.
Der Youngster sei sehr ballsicher und könne diese Rolle ebenfalls ausfüllen.
Gleichzeitig sorgt seine Entwicklung für zusätzliche Konkurrenz im Mittelfeld, denn Lieberknecht sieht Schramm als Spieler, der nicht nur Kunze, sondern auch Sahin unter Druck setzen kann.
Kaiserslautern steht vor einer Saison der Anpassung
Lieberknechts Aussagen zeichnen das Bild einer Kaiserslauterner Mannschaft, die vor dem Saisonstart noch einige taktische Fragen beantworten muss, gleichzeitig aber auch mehrere positive Entwicklungen vorweisen kann.
Der FCK muss seine defensive Bilanz weiter verbessern, nachdem in der vergangenen Saison noch 47 Gegentore zu Buche standen. Gleichzeitig bedeutet der Abgang von Sirch, dass Lieberknecht eine neue Lösung für eine Rolle finden muss, die nicht einfach eins zu eins ersetzt werden kann.
Die Entwicklung von Scheer, die neue Chance für Wekesser, Sahins verbesserte Fitness und die Rückkehr von Asta bieten dem Trainer jedoch zusätzliche Optionen.
Besonders die Wingbacks werden weiterhin eine zentrale Rolle in Lieberknechts System spielen, da von ihnen im Pressing eine enorme Intensität verlangt wird.
Auch Lieberknechts Aussagen über Spanien geben einen Einblick in seine grundsätzliche Fußballphilosophie. Er bewunderte deren Fähigkeit, individuelle Qualität mit Bescheidenheit, Führung und mannschaftlicher Geschlossenheit zu verbinden.
Genau diese Einheit könnte auch für Kaiserslautern entscheidend werden.
Statt sich auf einen einzelnen Spieler zu verlassen, scheint Lieberknecht eine Mannschaft entwickeln zu wollen, die gemeinsam auf Veränderungen reagieren kann.
Mit dem Saisonstart vor Augen besteht die nächste Herausforderung darin, diese Ideen in konstante Leistungen umzusetzen und auf den defensiven Fortschritten der vergangenen Spielzeit aufzubauen.
Lieberknechts erste ausführliche Einschätzung seiner Mannschaft macht deutlich: Kaiserslautern startet nicht nur mit einer veränderten personellen Struktur in die neue Saison, sondern auch mit einem taktischen Plan, der den Verlust eines ihrer vielseitigsten Spieler auffangen soll.