Marie-Louise Eta hat sich bereits einen festen Platz in der Fußballgeschichte gesichert. Mit nur 34 Jahren wurde sie zur ersten weiblichen Cheftrainerin im Bundesliga-Fußball und führte den 1. FC Union Berlin durch eine turbulente, letztlich aber erfolgreiche Phase, die den Klassenerhalt in der höchsten Spielklasse sicherte.
Hinter den Schlagzeilen und der weltweiten Aufmerksamkeit beschreibt Eta jedoch eine Erfahrung, die weniger von Symbolik als vielmehr von permanenter Arbeit, schnellen Entscheidungen und kaum Zeit zur Verarbeitung des öffentlichen Interesses geprägt war.
In einem ausführlichen Interview mit rbb|24-Reporterin Stephanie Baczyk spricht Eta offen über ihren Weg ins Traineramt, den unerwarteten Anruf, der sie an die Spitze der Union-Männer brachte, sowie die emotionale Distanz, die sie sich im Umgang mit Online-Kritik angeeignet hat.
Vom Spieler zur Trainerin — ein Weg, der sich entwickelte, nicht geplant war
Eta erklärt, dass der Trainerberuf nie ein fester Kindheitstraum war, sondern sich im Laufe ihrer aktiven Karriere ergeben hat.
„Nein. Die Idee entstand während meiner Spielerkarriere. Mit den ersten Erfahrungen und Trainerschein-Lizenzen hat sich das Stück für Stück entwickelt.“
Ihre Laufbahn als Spielerin führte sie unter anderem zum Hamburger SV, zu Werder Bremen und Turbine Potsdam, wo sie große Titel wie deutsche Meisterschaften und die Champions League gewann. Der Einstieg ins Trainerleben begann jedoch früher, als viele annehmen.
„Schon etwas früher. 2013 habe ich gemeinsam mit meinem Mann eine Fußballmannschaft gegründet: TuS Schwachhausen. Schwachhausen klingt erstmal lustig, ist aber ein Stadtteil in Bremen. Mein Mann hat dort damals Fußball gespielt. Nach dem Training, als wir mit dem sportlichen Leiter des Vereins zusammensaßen, kam die Idee auf, eine Frauenmannschaft zu gründen. Aus der Idee wurde Realität. Ich war erstmals für ein Team verantwortlich, konnte erste Erfahrungen sammeln und habe bewusst meine ersten Trainerlizenzen gemacht. Da habe ich schnell gemerkt, dass mir das Spaß macht.“
Der Schritt zu Union Berlin — zurück in den täglichen Fußballrhythmus
2023 hatte Eta bereits beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) gearbeitet, doch ihr fehlte der tägliche Vereinsfußball.
„2023, mit dem Abschluss der Pro-Trainerlizenz, hatte ich ein großes Ziel erreicht. Ich war beim DFB angestellt, habe aber gemerkt, dass ich den täglichen Fußball zurückhaben möchte – jeden Tag auf dem Platz stehen, eine Mannschaft begleiten und gemeinsam auf das Wochenende hinarbeiten. Ich kannte Marco Grote aus meiner Zeit bei Werder Bremen, und so kam eines zum anderen, sodass ich mich für Union Berlin entschieden habe.“
Diese Verbindung führte sie ins System von Union Berlin, zunächst im Jugendbereich – bis ein unerwarteter Moment alles veränderte.
Der plötzliche Aufstieg — und der Druck, der folgte
Eta und Marco Grote arbeiteten zunächst im U19-Bereich von Union. Doch 2023 übernahm das Duo plötzlich eine deutlich größere Aufgabe: die Stabilisierung der abstiegsgefährdeten Profimannschaft der Männer.
Der öffentliche Druck folgte sofort.
„Das begleitet mich schon seit vielen Jahren. Ich habe Verständnis dafür, weil es – wie man sieht – eben noch nicht ganz normal ist. Auf der anderen Seite war das eine Sonderrolle, die ich nie haben wollte. Ich wollte auch nie auf mein Frausein reduziert werden. Für mich geht es um Fußball und die Zusammenarbeit mit Menschen. Das macht mir unglaublich viel Freude.“
„Wenn man hart arbeitet, kann man viel erreichen“ — Lektionen aus der frühen Zeit
Eta beschreibt ihre Einstellung als Ergebnis ihrer Kindheit im Fußball.
„Ich glaube, das kam durch den Sport. Er hat mir gezeigt: Wenn du fleißig bist, dich ständig verbessern willst und Dinge mit Leidenschaft machst, kannst du viel erreichen. Fußball war von klein auf ein Teil meines Lebens. Ich hatte den Ball am Fuß, seit ich laufen konnte. Ich habe im Jungenfußball angefangen, mein Geschlecht hat dabei nie eine große Rolle gespielt. Es ging immer darum, so gut wie möglich zu sein. Klar habe ich auch Sprüche gehört wie ‚Lass dich nicht von einem Mädchen ausspielen‘ oder ‚Da spielt ein Mädchen‘ – aber das hat mich eher noch mehr motiviert.“
Der Anruf, der alles veränderte
Einer der entscheidendsten Momente ihrer Karriere ereignete sich an einem Samstagabend im April. Union hatte gerade 1:3 in Heidenheim verloren, Trainer Steffen Baumgart wurde entlassen.
Eta saß zu Hause und bereitete sich auf das nächste U19-Spiel vor, als ihr Telefon klingelte.
„Genau so. Ich war am Samstagabend zu Hause, habe mich auf das nächste U19-Spiel vorbereitet und am Laptop gesessen. Dann klingelte mein Telefon. Herr Zingler rief an und sagte mir kurz und knapp, dass ich für die nächsten fünf Wochen die Männermannschaft übernehmen soll.“
Auf die Frage, ob es eher eine Bitte oder eine Anweisung war, antwortet sie klar:
„Eher eine Anweisung, ja. Am Ende hat er mich aber auch noch gefragt, ob ich das machen möchte (lacht).“
Leben im Rampenlicht — ohne hineinzuschauen
Der plötzliche Medienrummel war enorm, doch Eta selbst hatte kaum Zeit, ihn zu verarbeiten.
„Ich hatte kaum Zeit, mich mit Berichten oder Kommentaren über mich zu beschäftigen. Das kam eher von außen auf mich zu. Für mich ging es darum, mich auf das nächste Spiel gegen Wolfsburg vorzubereiten.“
Auch die digitale Kritik lässt sie bewusst nicht an sich heran.
„Ich lese meistens gar keine Kommentare. Ich habe mich nie groß damit beschäftigt. Solche Kommentare sagen mehr über die Person aus, die sie schreibt, als über mich. Deshalb lasse ich das nicht an mich heran. Ich freue mich eher über die positiven Nachrichten.“
Diese positiven Reaktionen haben laut Eta deutlich zugenommen.
„Ja, definitiv. Ich habe viele Nachrichten bekommen, sogar aus Südamerika oder Australien – von Mädchen und Frauen, aber auch von Männern, die mir schreiben, dass sie mich unterstützen. Auch Trainerinnen haben mir geschrieben, dass ich für sie ein Vorbild bin.“
Die fünf Spiele — und ein besonderer Moment
Rückblickend hebt Eta vor allem ein Spiel hervor.
„Ich erinnere mich besonders an das letzte Spiel im Stadion An der Alten Försterei gegen den FC Augsburg (4:0-Sieg). Das war ein schöner Tag, und wir haben sehr gut gespielt. Man hat gespürt, wie das Stadion immer lauter wurde und die Menschen einfach glücklich waren. Natürlich war auch Druck da, weil der Klassenerhalt noch nicht gesichert war. Aber wir wollten auch Spieler weiterentwickeln.“
Klare Grenzen für die Zukunft
Trotz aller Spekulationen stellt Eta klar, dass ihre Rolle bei den Männern von Anfang an zeitlich begrenzt war.
„Ja, das war von Anfang an klar kommuniziert.“
Abschließende Einordnung
Die Geschichte von Marie-Louise Eta bei Union Berlin ist keine klassische Aufstiegsstory aus Ambition allein, sondern eine Geschichte der Anpassung – des Hineingeworfenwerdens in Rollen, die sie nicht aktiv gesucht hat, des Umgangs mit Druck, den sie nicht gewählt hat, und eines konsequenten Fokus auf den Fußball selbst.
Und am Ende bleibt ihre Haltung unverändert: ruhig, klar und fokussiert.
Es war eine Rolle, die sie nie wollte – aber eine, die sie auf ihre eigene Weise gemeistert hat.