Nur etwas mehr als einen Monat nach seinem Amtsantritt als Geschäftsführer Sport bei Hannover 96 beginnt Jonas Boldt, die Erwartungen an Trainerstab und Mannschaft spürbar zu erhöhen.
Seit seinem Amtsantritt am 1. Juni hatte der frühere HSV-Boss zunächst Cheftrainer Christian Titz und Sportdirektor Ralf Becker demonstrativ den Rücken gestärkt. Nach seinen ersten Eindrücken der Saisonvorbereitung sieht Boldt jedoch deutlichen Verbesserungsbedarf.
Zu diesem Fazit kam er nach Hannovers 2:3-Niederlage im anspruchsvollen Testspiel gegen Bundesliga-Aufsteiger Paderborn. Zwar bezeichnete er die Partie als wertvollen Härtetest, räumte jedoch ein, dass sie mehrere Schwächen der Mannschaft schonungslos offengelegt habe.
Boldt sagte gegenüber BILD:
„Es war ein guter Test, der uns aber auch gezeigt hat, dass wir noch einiges zu tun haben.“
Besonders unzufrieden zeigte sich der Sportchef mit der Kommunikation seiner Mannschaft.
„Es ist noch zu leise auf dem Platz“, sagte er. „Wir brauchen viel mehr Kommunikation, gerade in schwierigen Phasen.“
Dieses Problem ist für Hannover keineswegs neu. Bereits in der vergangenen Saison fehlte es der Mannschaft an klarer Kommunikation auf dem Platz. Durch die Abgänge von Enzo Leopold zu Borussia Mönchengladbach und Maik Nawrocki zu Celtic hat sich die Führungslücke zusätzlich vergrößert.
Genau das wurde in der zweiten Halbzeit gegen Paderborn deutlich. Nach einer 2:1-Führung verlor Hannover zunehmend die Kontrolle über das Spiel und musste sich schließlich noch mit 2:3 geschlagen geben. Gegen das intensive Pressing der Gastgeber fand die Mannschaft keine Lösung und vermisste einen Spieler, der das Team sowohl verbal als auch körperlich mitreißen konnte.
Auf die Frage, ob Hannover 96 ein echter Führungsspieler fehle, stellte Boldt das klassische Bild eines Leaders infrage.
„Das ist immer dieser Wunschgedanke, wenn wir uns an die Effenbergs und Ballacks erinnern“, sagte Boldt. „Aber die Gesellschaft und die Generationen haben sich verändert. Und für mich spricht nichts dagegen, dass junge Spieler auch mitführen und Verantwortung übernehmen können.“
Als Beispiel verwies er auf seine erfolgreiche Zeit beim Hamburger SV, wo sich Führungspersönlichkeiten Schritt für Schritt innerhalb der Mannschaft entwickelten.
„In Hamburg hatten wir diese sogenannten Führungsspieler, die Jahr für Jahr nach vorn gekommen sind und dann letztlich auch den Aufstieg geschafft haben“, erklärte der frühere HSV-Geschäftsführer.
Spieler wie Sebastian Schonlau, Jonas Meffert, Robert Glatzel, Ludovit Reis und Daniel Heuer Fernandes hätten sich nach und nach zu Führungsspielern entwickelt – eine ähnliche Entwicklung wünscht sich Boldt nun auch bei Hannover 96.
Gleichzeitig machte er deutlich, dass die Verantwortung nicht allein bei den Spielern liegt.
„Natürlich ist in erster Linie der Trainer dafür verantwortlich. Aber die Jungs auf dem Platz, die müssen schon wissen, was es bedeutet, Spiele zu gewinnen und wie ich dazu abseits der Taktik beitragen kann.“
Genau daran scheiterte Hannover 96 in der vergangenen Saison. Trotz einer vielversprechenden Ausgangslage ließ die Mannschaft im Saisonendspurt wichtige Punkte liegen, spielte in den letzten drei Ligaspielen jeweils unentschieden und verpasste dadurch sogar den Relegationsplatz.
Für die kommende Spielzeit ist Boldts Botschaft daher eindeutig: Hannover 96 muss auf dem Platz lauter auftreten, mehr Führungsqualitäten entwickeln und eine klare Hierarchie schaffen, wenn der Traum vom Bundesliga-Aufstieg Wirklichkeit werden soll.