Der Hamburger SV trauert um Klaus-Michael Kühne. Der Milliardär und Unternehmer, dessen finanzielle Unterstützung, Einfluss und öffentliche Stellungnahmen ihn zu einer der prägendsten Persönlichkeiten der jüngeren Vereinsgeschichte machten, ist im Alter von 89 Jahren gestorben.
Kühne starb in der Nacht zum Montag im schweizerischen Schindellegi. Sein Tod wurde am Montagvormittag vom Logistikkonzern Kühne + Nagel offiziell bestätigt.
„Mit dem Tod von Klaus-Michael ist ein Visionär, ein großer Unternehmer und eine eindrucksvolle Persönlichkeit von uns gegangen“, erklärte Jörg Wolle, Präsident des Verwaltungsrats von Kühne + Nagel. Auch Konzernchef Stefan Paul würdigte den langjährigen Unternehmenschef und bezeichnete Kühne als eine Persönlichkeit, die wie kaum ein anderer für Logistik und den globalen Handel gestanden habe.
Für den HSV reicht Kühnes Vermächtnis jedoch weit über seine unternehmerischen Erfolge hinaus. Über mehr als anderthalb Jahrzehnte nahm er rund um den Verein nahezu jede denkbare Rolle ein: Fan, Mäzen, Geldgeber, Anteilseigner, Kritiker und einflussreicher Machtfaktor.
Vom Familienunternehmen zum globalen Milliardär
Kühne trat 1958 in das Familienunternehmen Kühne + Nagel ein. Acht Jahre später wurde er Vorstandsvorsitzender der damaligen Kühne + Nagel Speditions-AG, bevor er 1975 die Führung der Kühne + Nagel International AG übernahm.
Von 1992 bis 2011 stand er dem Verwaltungsrat des Unternehmens vor und wurde anschließend zum Ehrenpräsidenten ernannt.
Unter seiner Führung entwickelte sich Kühne + Nagel zu einem der weltweit führenden Logistikkonzerne. Kühne selbst stieg zu einem der reichsten Unternehmer Deutschlands auf.
Einen erheblichen Teil seines Vermögens investierte er später in Unternehmen, Immobilien und kulturelle Projekte. Doch der Sport – und insbesondere der HSV – blieb eine seiner größten persönlichen Leidenschaften.
Kühnes Engagement beim HSV begann 2010
Sein großes finanzielles Engagement beim HSV begann 2010. Kühne stellte dem Verein erhebliche Mittel für Spielerverpflichtungen und Transfers zur Verfügung. Im Gegenzug erhielt er Beteiligungsrechte an möglichen künftigen Transfererlösen.
Zwei Jahre später spielte er eine wichtige finanzielle Rolle bei der spektakulären Rückkehr von Rafael van der Vaart nach Hamburg. Die Rückkehr des niederländischen Spielmachers verkörperte genau jene Art von Transfer, die Kühne begeisterte: ein großer Name, hohe Erwartungen und eine Verbindung zu den glorreichen Zeiten des HSV.
Nach der Ausgliederung der Profiabteilung wurde seine Verbindung zum Verein noch bedeutender.
Im Januar 2015 wurden Darlehen in Höhe von 18,75 Millionen Euro in einen Anteil von 7,5 Prozent an der HSV Fußball AG umgewandelt. Kühne war damit nicht mehr nur Mäzen, sondern auch offizieller Anteilseigner.
Sein finanzielles Engagement wuchs in den folgenden Jahren weiter. 2017 beteiligte er sich an einer weiteren Kapitalerhöhung, stärkte damit das Eigenkapital des finanziell angeschlagenen HSV und half dem Klub zugleich bei der Erfüllung der Lizenzauflagen.
Anfang 2022 erklärte Kühne, bereits fast 100 Millionen Euro in den HSV investiert zu haben. Seine Unterstützung endete damit jedoch nicht. 2023 gewährte seine Holding dem Verein ein weiteres Wandel-Darlehen über 30 Millionen Euro.
Damit erreichte Kühnes finanzielles Engagement für den HSV über die Jahre einen deutlich dreistelligen Millionenbetrag.
Kühne brachte den Namen Volksparkstadion zurück
Kühnes Einfluss beschränkte sich allerdings nicht auf Transfers und finanzielle Unterstützung.
2015 sicherte er sich die Namensrechte am HSV-Stadion und führte den traditionellen Namen „Volksparkstadion“ wieder ein.
Die Entscheidung stieß bei vielen Anhängern auf Zustimmung, da der historische Name für viele untrennbar mit der Identität des Vereins verbunden ist. Kühne selbst bezeichnete die Rückkehr zum traditionellen Namen damals als „Herzensangelegenheit“.
Nach einer zwischenzeitlichen Unterbrechung stieg seine Holding 2022 erneut in die Namensrechte ein. Nach der Rückkehr des HSV in die Bundesliga 2025 wurde die Vereinbarung langfristig erneuert.
Zuletzt soll der Deal dem HSV rund vier Millionen Euro pro Saison eingebracht haben.
Eine Beziehung zwischen finanzieller Unterstützung und Konflikten
Trotz der enormen Summen, die Kühne zur Verfügung stellte, war sein Verhältnis zum HSV keineswegs frei von Spannungen.
Mit zunehmendem finanziellen Engagement wuchs auch die Diskussion darüber, welchen Einfluss ein einzelner Investor auf einen traditionell stark mitgliedergeprägten Verein ausüben sollte.
Kühne äußerte sich regelmäßig zu Trainern, Sportdirektoren, Spielern und Funktionären. Seine Kommentare waren teilweise lobend, häufig aber auch ausgesprochen kritisch.
Mehrfach drohte er damit, sich zurückzuziehen und dem HSV künftig kein weiteres Geld zur Verfügung zu stellen. Nach Phasen des Konflikts kehrte er jedoch immer wieder an den Verhandlungstisch zurück.
2021 bezeichnete Kühne sein Engagement beim HSV sogar als ein „völlig missglücktes Abenteuer“.
Sein nächstes großes Angebot zeigte jedoch, dass er seine Verbindung zum Verein keineswegs endgültig beendet hatte.
Im Sommer 2022 bot Kühne dem HSV eine finanzielle Unterstützung von bis zu 120 Millionen Euro an. Das Angebot war allerdings an weitreichende Bedingungen geknüpft.
Sein Anteil hätte auf bis zu 39,9 Prozent steigen können. Zudem wollte die Kühne Holding bei der Besetzung der Führungsgremien stärker berücksichtigt werden.
Der HSV erklärte das Angebot in dieser Form letztlich für nicht umsetzbar.
Kühnes Rolle spaltete die Fans
Kühne wurde dadurch insbesondere in Teilen der aktiven HSV-Fanszene zu einer umstrittenen Figur.
Seine Befürworter sahen in ihm einen großzügigen Mäzen, der dem Verein immer wieder finanziell zur Seite stand, wenn dieser Unterstützung dringend benötigte. Seine Millionen halfen dem HSV dabei, schwierige finanzielle Phasen zu überstehen, Transfers zu finanzieren und die wirtschaftliche Basis des Klubs zu stärken.
Seine Kritiker sahen in seinem Engagement dagegen eine zunehmende Abhängigkeit von einem einzelnen wohlhabenden Geldgeber und stellten infrage, ob ein solcher Einfluss mit der Identität eines Mitgliedervereins vereinbar sei.
Trotz aller Auseinandersetzungen blieb Kühne dem HSV jedoch verbunden.
Auch nach dem ersten Bundesliga-Abstieg des Vereins 2018 und den anschließend sieben Jahren voller vergeblicher Aufstiegsversuche blieb die Verbindung bestehen.
Kühne erlebte die Rückkehr des HSV in die Bundesliga
2025 schaffte der HSV schließlich die Rückkehr in die Bundesliga und beendete damit seine siebenjährige Zweitklassigkeit.
Auch bei diesem wichtigen Kapitel war Kühne wieder als Unterstützer dabei.
Im Zuge des Einstiegs der Sparda-Bank verkaufte seine Holding einen Teil ihrer HSV-Anteile. Gleichzeitig sicherte sie sich erneut die Namensrechte am Volksparkstadion.
Kühne erklärte damals, der HSV solle dadurch „wesentlich gestärkt in der Bundesliga auftreten“.
Es sollte eines der letzten großen Kapitel seines Engagements beim Verein werden.
Kühnes letzte Jahre waren von gesundheitlichen Problemen geprägt
In den vergangenen Monaten war es ungewöhnlich ruhig um den Unternehmer geworden.
Das fiel insbesondere deshalb auf, weil Kühne zuvor regelmäßig öffentlich Stellung zu den Entwicklungen beim HSV bezogen hatte.
Bereits im Januar hatte die MOPO berichtet, dass Kühne gesundheitlich schwer angeschlagen sei und nicht mehr reisen könne.
Sein letzter bekannter Besuch im Volksparkstadion lag zu diesem Zeitpunkt bereits viele Jahre zurück. Im November 2015 hatte Kühne gemeinsam mit seiner Frau Christine noch den 3:1-Sieg des HSV gegen Borussia Dortmund im Stadion verfolgt.
Danach verfolgte er die Spiele seines Vereins überwiegend aus der Ferne.
Nun ist Klaus-Michael Kühne im Alter von 89 Jahren gestorben.
Für den Hamburger SV endet damit ein außergewöhnliches und zugleich häufig kontroverses Kapitel. Nur wenige Persönlichkeiten haben den Verein in der modernen Ära finanziell so stark unterstützt, so viele Diskussionen ausgelöst und gleichzeitig einen derart großen Einfluss ausgeübt.
Kühne hinterlässt beim HSV ein komplexes Vermächtnis – geprägt von enormer finanzieller Unterstützung, persönlicher Verbundenheit, scharfer Kritik und dem ungebrochenen Wunsch, den Verein wieder dauerhaft in der Bundesliga zu etablieren.
Unabhängig davon, wie man seine Methoden und seinen Einfluss bewertet: Klaus-Michael Kühnes Spuren beim Hamburger SV sind unübersehbar.